Fünf Jahre im “Praktikum”: Gericht spricht Arbeitnehmerin 50.000 Euro zu

Juni 14, 2016

Mehr als fünf Jahre hat eine junge Frau für 300 Euro pro Monat gearbeitet – der Arbeitgeber hatte ihre Beschäftigung als Praktikum laufen lassen. Schließlich zog die “Praktikantin” vor Gericht, und bekam Recht. Nun hat das Landesarbeitsgericht München mit Urteil vom 13.06.2016 entschieden (Az.:3 Sa 23/16): Die Firma soll 50.000 Euro Gehalt, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge nachzahlen.

Als 16-Jährige hatte die Klägerin nach ihrem Realschulabschluss bei einem Versicherungs- und Finanzvermittler in der Münchner Innenstadt angefangen. Eigentlich wollte sie als Bürokraft arbeiten, bekam aber nur einen Praktikumsvertrag. Ihr berufliches Ziel war es, Fachberaterin für Finanzdienstleistungen zu werden.
Ihr Vertrag sah nicht nur 43 Wochenstunden vor, sondern auch, dass Überstunden nicht bezahlt werden. Das monatliche Entgelt von 300,– bedeutete einen Stundenlohn von 1,75 Euro!

Einmal pro Woche sollte sie Theorieunterricht bekommen. Der fand im Haus ihres Chefs am Chiemsee statt, zusammen mit anderen Praktikanten. Viele Aufgaben dort waren aber weniger theoretischer Natur: Die Neulinge mussten auch den Garten des Chefs pflegen.
Zum Streit kam es, als die junge Frau bei der Prüfung zur Fachberaterin bei der Industrie- und Handelskammer durchfiel.

Das Landesarbeitsgericht kam zu dem Schluss, dass die gezahlte Vergütung sittenwidrig war. Allerdings sprachen sie der Klägerin nicht die übliche Vergütung zu, wie sie ihre Anwälte errechnet hatten. Dann hätte sie rund 77.000 Euro bekommen. Stattdessen setzten die Richter den allgemeinen Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunden an. Der gilt auch für Praktika, die länger als drei Monate dauern und nicht im Rahmen eines Studiums vorgeschrieben sind.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Joachim Meyer
Fachanwalt für Arbeitsrecht