Vorsicht beim unbezahlten Praktikum – Supermarkt muss Praktikantin über 17.000 € nachzahlen.

Juni 17, 2014

Die Vereinbarung scheint zunächst für beide Seiten von Vorteil zu sein: Eine junge Frau, die Schwierigkeiten hat einen Ausbildungsplatz zu finden, vereinbart mit einem Arbeitgeber ein sogenanntes Schnupperpraktikum. Sollte sich während des Praktikums herausstellen, dass eine Zusammenarbeit für beide Seiten gut funktioniert, soll im Anschluss an das Praktikum eine Ausbildungsstelle angeboten werden. Die potentielle Auszubildende kann herausfinden, ob die Ausbildung etwas für sie ist und der Arbeitgeber kann ohne Kosten herausfinden, ob er ein Ausbildungsverhältnis eingehen möchte. Eigentlich eine Win-Win-Situation.

Soweit ist ein unbezahltes Praktikum rechtlich auch nicht problematisch.

Rechtlich problematisch ist aber der Fall, den das Arbeitsgericht Bochum (Aktenzeichen 2 Ca 1482/13) im März dieses Jahres zu entscheiden hatte:

Eine 19-Jährige vereinbarte ein unbezahltes Praktikum mit einem Rewe-Markt in Bochum. Auch dieses Praktikum wurde als Schnupperpraktikum bezeichnet und sollte bei gutem Verlauf in ein Ausbildungsverhältnis übergehen. Mit dem Argument, eine Lehrstelle stünde in Aussicht, wurde der Praktikumsvertrag, der ursprünglich über einen Monat gehen sollte, mehrfach verlängert. Nach vier Monaten, am 06.03.2013, schlossen die Parteien tatsächlich einen Ausbildungsvertrag, Beginn: 01.09.2013. Bis dahin sollte weiterhin unentgeltlich gearbeitet werden.
Nach insgesamt 8 Monaten unentgeltlichen Praktikums, ersuchte die Dauerpraktikantin einen Rechtsanwalt um Rat und ließ Klage auf Zahlung des ortsüblichen Lohnes von 10 €/h einreichen. Mittlerweile war sie 1.728 Stunden unentgeltlich in der Bochumer Rewe-Filiale tätig. Das Gericht gab der Klage statt und verurteilte den Arbeitgeber zur Zahlung von 17.280 €.

Entscheidend war aus Sicht des Gerichts, dass sich die Tätigkeit der Praktikantin in keiner Weise von einer bezahlten Angestellten unterscheid. Sie bediente die Kasse, räumte Regale ein und arbeitete im Lager. Sinn und Zweck eines Praktikums ist aber das Kennenlernen und Erlernen einer Tätigkeit. Im Vordergrund steht der Ausbildungszweck. Es ist daher unter anderem in einem Praktikum erforderlich, dass der Praktikant im Unternehmen einen Ansprechpartner hat, der ihn betreut und anleitet. Dies alles war nicht gewährleistet.
Die Praktikumsverträge erachtete das Gericht daher als sittenwidrig und damit hinfällig. Tatsächlich sei die Klägerin als Arbeitnehmerin eingesetzt worden. Mangels Vereinbarung über eine Vergütung ist in einem solchen Fall von Gesetzes wegen der branchenübliche Lohn zu zahlen. Als branchenüblich sah das Gericht einen Arbeitslohn von 10 € / Stunde an.

Zu Gute kam der Praktikantin, dass sie ihre tägliche Arbeitszeit im Detail in einer Tabelle notiert hatte. Anderenfalls wäre eine Beweisführung vor Gericht aller Wahrscheinlichkeit nach gescheitert.
Die nachträgliche Geltendmachung einer Vergütung ist aber nicht für einen unbegrenzten Zeitraum möglich. Es müssen neben der Verjährungsfrist von drei Jahren eventuell auch Ausschlussfristen, etwa in Tarifverträgen beachtet werden.

Die Konstellation, über welche das Bochumer Gericht zu entscheiden hatte, dürfte keinen Seltenheitswert haben. Einerseits besteht zwar in einigen Bereichen ein eklatanter Fachkräftemangel, andererseits sind in vielen Berufen Ausbildungs- und Arbeitsplätze schwer umkämpft.

Es werden daher auch weiterhin vielfach Vereinbarungen über unbezahlte Praktika geschlossen werden. Ob das Urteil zu vermehrten Klagen von unbezahlten Praktikanten führen wird, bleibt abzuwarten. Vielfach dürfte eine Klage an der schwierigen Beweisführung scheitern.

Das Konzept des unbezahlten Praktikums ist aufgrund des Urteils nicht unzulässig geworden. Unternehmen wird aber zu raten sein, die Bedingungen zu denen sie Praktikanten beschäftigen, genau zu überprüfen und sich entsprechend beraten zu lassen. Grundsätzlich steigt das Risiko einer Vergütungspflicht mit der Dauer eines Praktikums. Wichtig ist auch, dass es sich tatsächlich um ein Praktikum (Anlernen, Durchlaufen von Abteilungen etc.) handelt und der Praktikant nicht wie ein vergleichbarer Arbeitnehmer eingesetzt wird.

Joachim Meyer
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Prof. Versteyl Rechtsanwälte